Zauberland's Blog


Manchmal habe ich Angst.
Oktober 13, 2010, 6:07 pm
Einsortiert unter: Familie, Leben, Politik

Es begann mit den Diskussionen um die Äußerungen des Herrn Sarrazin, steigerte sich mit den Ereignissen rund um Stuttgart 21, beunruhigt mich zunehmend mit den zitierten Äußerungen des Herrn Seehofer und geben mir zu denken mit der Rede von Herrn Wulff.

Ich empfinde unsere Gesellschaft stärker denn je als zwiegespalten. Es wird der Ruf nach der (Rück-)Besinnung auf Werte und der nach einer starken Gemeinschaft laut.

Es gibt immer mehr Menschen, die sich ausgegrenzt fühlen. Sie fühlen sich ausgegrenzt aufgrund ihres Glaubens, ihrer Hautfarbe, ihres gesellschaftlichen Status oder  aufgrund ihres Krankheitsbildes.

Gefühlt rücken einzelne Gruppen viel stärker zusammen und grenzen sich damit von anderen immer mehr ab. In Gruppen hat man ein Zusammengehörigkeitsgefühl, man versteht sich, man toleriert sich, man nimmt Rücksicht und respektiert sich, jeder fühlt sich für den anderen mitverantwortlich. Man pflegt seine Werte, das tut gut.

Doch jeder irrt sich zu glauben als Gruppe oder Gruppierung in einer Gesellschaft bestehen oder überleben zu können.

Unsere Gesellschaft hat nur eine Chance, wenn wir alle gemeinsam unsere Werte pflegen und vor allem hat sie sie erst dann, wenn wir bereit sind, diese Werte zu überdenken.

Manchmal hab ich Angst, dass Toleranz nur demjenigen entgegengebracht wird, der sowieso dieselben Glaubensmaßstäbe ansetzt und derselben Interessengemeinschaft angehört. Toleranz muss weit darüber hinaus gehen!

Toleranz heißt vor allem demjenigen gegenüber Respekt und Achtung  entgegen zu bringen, der anders ist, der anders denkt, der anders aussieht, der an etwas anderes glaubt.

Toleranz ist keine Einbahnstrasse. Sie wird von jedem Einzelnen  gefordert – insbesondere in einer so bunten und vielfältigen Gesellschaft wie in Deutschland.

Die Lehrerin, die einem muslimischen Schüler ein Schweinesteak serviert, wird ihren Fehler genauso einsehen müssen, wie die muslimische Mutter der Lehrerin gegenüber Einsicht und Verständnis für den Fehler zeigen muss.  Ein intolerantes Verhalten das darin mündet, dass die Lehrerin arbeitslos wird, ist asozial.

Sich mitverantwortlich für das Wohl anderer zu fühlen ist gelebte soziale Verantwortung. Vor dem Hintergrund der Proteste im Zuge des Projektes „Stuttgart 21“ (http://bit.ly/8Yk7Fu), möchte ich an dieser Stelle meine Position in Bezug auf bereits von mir gemachte Aussagen untermauern:

Bitte lasst eure Kinder zuhause. Nehmt die Verantwortung, die ihr gegenüber euren Kindern habt wahr und setzt sie keiner unnötigen Gefahr aus.

Bringt euren Kindern bei, dass es sich immer lohnt für seine Rechte einzustehen und an der Demokratie in unserem Land teilzunehmen, indem wir auf die Strasse gehen – aber bitte mit dem richtigen Augenmaß. Wenn Gefahr für Kinder droht, dann stehen die Folgen, die das Kind im Falle einer Eskalation möglicherweise zu tragen hat in keinem Verhältnis zu dem was es selbst mit bewegen kann.

Sollte ein ausführendes Organ der Exekutive oder ein Demonstrant Gewalt anwenden, so sagt dem Kind, dass das falsch ist. Gewalt ist niemals ein adäquates Mittel.

Wenn es trotzdem geschieht, kann ich in einem Rechtsstaat, in den ich immer noch großes Vertrauen habe, Anzeige erstatten. Es gibt Instanzen, die unser geltendes Recht anwenden und gegebenenfalls Strafen verhängen.

ABER: Es gibt keine Instanz, die mir mein verletztes Kind unversehrt zurückbringt!

Manchmal habe ich Angst, doch mein Vertrauen in unsere Demokratie, unseren Staat, unsere Gesellschaft und die Menschen überwiegt.  Es geht um unsere Zukunft als Weltenbürger, leben wir sie in einem friedlichen miteinander.

 


4 Kommentare bis jetzt
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Toleranz ist eine schöne Lebenshaltung, allerdings ist sie, in gewisser Weise, auch eine “gnädige” Haltung. Ich toleriere andere, anstatt meine, wie auch immmer geartete, Macht gegen sie einzusetzen.
Toleranz erfordert einen gesellschaftlichen Grundkonsens, nämlich den Willen zum Ausgleich. Wo der fehlt wird Toleranz schnell als Schwäche ausgelegt.
Ich will jetzt nicht der gesellschaftlichen Konfrontation das Wort reden, nein.
Aber: wer Tolerant leben will, der muß mit der gebotenen Härte gegen die Intoleranten vorgehen. Gerade in der von Dir beschriebenen stärkeren Rückbesinnung auf ethnische und religiöse Gruppen ist immer ein Stück Intoleranz, immer ein Stück “wir sind die Guten”, immer die Gefahr, daß die Marktschreier gehört werden.
Um als tolerante Gesellschaft überleben zu können sind meines Erachtens zwei Ding unerlässlich, die wir in Deutschland leider nur zum Teil so anstreben:
1. keine Toleranz gegen die Intoleranten, egal welcher Couleur
2. Bildung, Bildung, Bildung. Sie ist das höchste Gut und muß das höchste Ziel der Gesellschaft, das höchste Ziel aller sein.

Zum Thema Kinder auf Demonstrationen: In Deutschland gab es seit vielen Jahren keine Eskalation wie die in Stuttgart. Noch ist nicht geklärt, warum es zu einem derartigen Gewaltausbruch kam.
Kinder zu einer friedlichen Demonstration mitzunehmen halte ich für völlig normales Verhalten. Oft genug ist es doch ihre Zukunft, für die demonstriert wird.
War vorher absehbar, daß es im Schlosspark zu einem solchen Eklat kommen würde? Ich denke nicht.

Wo ich gerade darüber nachdenke stellt sich mir eher die Frage: warum gibt es keine individuelle “Kennzeichnungspflicht” für Polizisten? Seit vielen Jahren haben wir auf Demonstrationen, zurecht, das Vermummungsverbot für Teilnehmer, die Polizisten in Stuttgart waren, effektiv gesehen, vermummt. Ich meine mich erinnern zu können, daß es mal die Diskussion gab, “Kennzeichen” für Polizisten einzuführen, damit diese auf Videoaufnahmen später zu identifizieren sind, falls sie unangemessen gehandelt haben. Was ist daraus geworden? Warum lassen wir zu, daß Demonstranten einer Kette anonymer Menschen in martialischen Kampfanzügen gegenüberstehen?

pj

Kommentar von Peter Jakobs

Ich stimme Dir absolut zu. Es wird in Zukunft unerlässlich sein für ein verantwortungsbewusstes Mitglied unserer Gesellschaft sich mit aller Entschiedenheit gegen Intoleranz zu stellen. Das Thema Bildung ist existentiell wichtig und muss oberstes Ziel sein und bleiben, ich nehme wahr, dass immer mehr in diese Richtung diskuttiert und Gott sei Dank auch getan wird.

Kinder auf friedliche Demonstrationen mitzunehmen ist selbstverständlich absolut ok – das sehe ich genauso. Das richtige Augenmaß bezog ich auf das “sehen” und “einsehen” von drohender Gefahr, wie es in Stuttgart leider der Fall war. Dann gilt: Kinder zuhause lassen!

Die Diskussion um die “Kennzeichnungspflicht” für Polizisten ist mir im Moment neu. Sollte aber UNBEDINGT umgesetzt werden – das könnte doch gerade jetzt ein idealer Zeitpunkt sein, um das voranzutreiben oder initiativ eine breite Öffentlichkeit für das Thema zu gewinnen.

Vielen Dank für Deine Gedanken und Deinen Beitrag.

Kommentar von zauberland

ohne vom Kernthema ablenken zu wollen: ich glaube, wenn heute von “Bildung” gesprochen wird, dann wird häufig “Ausbildung von Humankapital” gedacht. Das steckt z.B. hinter dem unsäglichen G8. Bildung bedeutet aber so viel mehr, Bildung bedeutet, ein moralisches und persönliches Fundament zu legen.
Die letzten Zeilen von Bettina Wegner sollten die Maxime aller Bildung sein.

Gerade, klare Menschen
wär’n ein schönes Ziel
Leute ohne Rückgrat
haben wir schon zuviel

Aber das war nicht das primäre Thema Deines Beitrages, entschuldige die Abschweifung.

Kommentar von Peter Jakobs

Schön und interessant, dass Du dieses Thema aufgreifst, das in der Tat sehr vielschichtig ist und von unterschiedlichen Interessengruppen auf verschiedene Weise verstanden und verfolgt wird.

Da könnte ich ewig drüber diskuttieren:-) Ich selbst verstehe im Kontext dieses Blogposts das Thema Bildung im Sinne von Schaffung der Möglichkeiten, dass junge Menschen bereits in Kindergarten und Schule aufs Leben vorbereitet werden und lernen selbstständig zu sein, bewusst zu handeln und Dinge zu hinterfragen. Es geht mir hierbei darum unsere Kinder zu verantwortungsbewussten zu erziehen, die unsere Zukunft lebenswert mitgestalten.

Kommentar von zauberland




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